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Mohammad Yaghoubee "Rot und die anderen" Stück in vier Akten Personen: Rot Khoruss Afshin Ebráhim Nàhid Nargess Bahrám Forugh Manutsch Omid-e Biwojud Bábak Juán Ali Báhál Samirá Maryam Ayub Personen aus dem Dokumentarfilm: Die Frau mit dem Baby Der Interviewer Die Bedeutung der Namen einiger Personen: Khoruss = der Hahn Omid-e Biwojud = Hoffnung, die es nicht gibt Ali Bàhál = Ali, der Fröhliche, Árezu = der Wunsch
Bühne: Ein Stadtpark Erster Akt Rot Jemand ist auf einer Bank eingeschlafen, ein anderer liest Zeitung auf einer anderen Bank. Auf der dritten Bank sitzt ein Mann ganz in Rot, er hält ein Stück Karton in der Hand, worauf in roter Schrift geschrieben steht": Wenn ihr euch das Leben nehmen wollt, dann sprecht mit mir!" Das Bühnenlicht erlischt. Afshin Ebráhim, ein 60jähriger Mann sitzt auf einer Bank. Afshin Salam! Ebráhim Salam! Afshin Verzeihen Sie, mögen Sie Gedichte? Ebráhim Ja. Afshin Ich habe mit eigenem Kapital einen Gedichtband verlegt und bin dabei, ihn zu verkaufen. Möchten sie mir einen abkaufen? Ebráhim Darf ich Sie bitten, mir aus Ihrem Buch ein Gedicht vorzulesen, damit ich entscheiden kann, ob ich es kaufen will? Afshin Bitte sehr, ich lese Ihnen ein kurzes Gedicht vor .... Ebráhim Es war sehr traurig und schwarz. Gibt es in Ihrem Buch auch hoffnungsvolle Gedichte? Afshin Nein. Khoruss Während Rot in einer Zeitung liest tritt Khoruss auf. Khoruss Salam! bietet Rot eine Zigarette an. Rot Salam! Khoruss hält sein Feuerzeug vor Rots Nase. Nein, im Moment möchte ich nicht rauchen. Khoruss zündet die eigene Zigarette an. Khoruss Schläfst du diese Nacht hier? Rot Ja! Khoruss Früh am Morgen besteht meine Arbeit darin, den zu wecken, der mir den Auftrag dazu gibt. Willst du, dass ich dich morgen früh aufwecke? Rot Ja, gerne. Khoruss Wenn ich dich wecken soll, dann muss ich wissen, wie du heißt. Rot Rot. Khoruss Und mein Name ist Khoruss. Rot sieht Khoruss verdutzt an, dann lacht er aus Verlegenheit, als er seinen ernsten Gesichtsausdruck beim Anzünden der Zigarette sieht, hält er sein Lächeln. Rot Heißen sie wirklich Khoruss? Khoruss Ja. Rot Weil sie, morgens, wie der Hahn die Menschen aufwecken? Khoruss Nein, weil ich wirklich ein Khoruss bin. Rot lächelt. Khoruss Kannst ruhig lachen, ich habe mich längst an dem Hohn der Leute gewöhnt. Rot Glauben sie wirklich, dass sie ein Khoruss sind? Khoruss Ich glaube es nicht, ich bin es. Verstanden? Rot Kannst du Kikeriki machen? Khoruss Was habe ich dir gesagt? Ich bin wirklich ein Khoruss. Hast du es jetzt endlich kapiert? Rot Ja. Khoruss Oder willst du immer noch, dass ich Kikeriki mache? Rot Nein, ich glaube es dir. Khoruss Als was arbeitest du, Kumpel? Rot Momentan? Arbeitslos. Khoruss Dann suchst du Arbeit? Rot Nein. Khoruss Was ist es, was du geschrieben hast? Rot Fürs Sprechen verlange ich kein Geld. Khoruss Warum bist du in rot? Hat es mit deiner Schreiberei zu tun? Rot Ja. Khoruss Warum bist du in rot? Rot Die Gründe darf ich nicht nennen. Das ist mein Geheimnis. Khoruss In Ordnung. Ich habe allerlei Leute getroffen, da wundert mich nichts mehr. Ich lebe seit meinem zehnten Lebensjahr in diesem Stadtpark. Ich liebe ihn sehr. Siehst du den Baum da? Rot Ja. Khoruss Welchen Baum meinte ich? Rot Den da, der hochgewachsen ist. Khoruss Nein, den Stämmigen meine ich. Dieser Baum gehört mir. Die Bank darunter ist mein Bett. Hier, wo du sitzt, die gehört einem anderen. Jedes Mal, wenn er sich Zuhause verkracht, betrinkt er sich, kommt hierher und schläft auf dieser Bank. Wenn er kommt musst du aufstehen und dir eine andere suchen. Rot Ja. Khoruss Also, wann soll ich dich wecken? Rot Wenn du mich um sieben weckst, wäre ich dir dankbar. Khoruss Stelle Deine Uhr nach meiner! Rot Wie spät haben sie es? Khoruss Sechs Uhr fünfundvierzig. Rot Ihre Uhr geht fünf Minuten vor. Khoruss Ich weiß. Damit ich mich nie verspäte, stelle ich meine Uhr immer fünf Minuten vor. Rot Gute Idee! Khoruss Entschuldige, ich muss dir etwas weniger fröhliches sagen. Rot Sagen sie das, was sie sagen müssen. Khoruss Ich nehme von jedem, den ich wecke fünfzig Toman. Rot Muss ich jetzt gleich bezahlen? Khoruss Wenn es dir nichts ausmacht, ja. Du musst entschuldigen, ich kassiere immer im Voraus. Rot steckt seine Hand in die Tasche, um Khoruss zu bezahlen. Náhid und Nargess Náhid sitzt auf einer Bank. Eine Frau in Tschador mit einer dunkle Sonnenbrille nähert sich ihr. Náhids Blick ist auf die andere Seite des Parks gerichtet. Die verschleiert Frau setzt sich neben Náhid. Nargess Salam Náhid! Náhid springt auf und will weglaufen, Nargess fasst ihre Hand. Nargess Setz dich, ich komme allein. Náhid Schwöre beim Haupt deiner Mutter, dass du nicht lügst! Nargess Ich schwöre auf den Koran. Náhid Hast Du aufgepasst, ob dir keiner gefolgt ist? Nargess Ja. Náhid Wie hast du mich gefunden? Nargess Mehran hat dein Bild in die Zeitung gesetzt. Náhid Wann wurde es abgedruckt? Nargess Er hat geschrieben, du seiest verwirrt, vor einiger Zeit seiest du aus dem Hause gegangen und seitdem bist du unauffindbar. Eure Telephonnummer und die von unseren Eltern hat er auch angegeben, damit jeder, der dich sieht ihm und uns benachrichtigen kann. Náhid Siehst du, wie gemein und böse er ist? Nun wird jeder es als eine gute Tat betrachten, meiner Familie die Sorge zu nehmen, dabei weiß man nicht, dass man dadurch mich ins Grab bringt. Nargess Als ich bei unseren Eltern war, rief jemand. Du hast Glück, dass ich da war, und den Hörer abnahm. Dennoch habe ich Angst, dass nachdem ich mich auf den Weg hierher gemacht habe, vielleicht noch jemand, der dich gesehen hat, deinen Aufenthaltsort melden konnte. Mit diesem starken Make-up siehst du aus wie ein Pfingstochse! Hast du wirklich alles gemacht, was von dir behauptet wird? Náhid Ja. Warum weinst du? Alle Leute, die hier vorbei gehen, schauen uns an. Jetzt ist es genug. Steh auf und geh! Nargess Gott sei Dank, dass ich den Hörer abgenommen habe. Wenn sie, oder Papa ihn abgenommen hätten, dann wären sie hierher gekommen, um dich zu suchen. Baba sagt, wenn es bewiesen ist, dass du dies alles gemacht hast, würde er dir eigenhändig den Hals umdrehen. Náhid Andere haben Familie, und wir haben auch Familie! Nargess Ich mache mir Sorgen, Náhid. Náhid Meinetwegen mache dir keine Sorgen. Ich kann meine Probleme alleine lösen. Wenn wir aber richtige Eltern hätten, wäre es mir jetzt nicht so ergangen. Nargess Wieso sind die schuld, die armen Alten? Náhid Wie oft habe ich das Haus dieses gemeinen Kerls verlassen und zu unseren Eltern geflüchtet? Und jedes Mal haben sie mich wieder zu ihm geschickt. Nargess Mir tut die Mutter leid. Náhid Wie geht es ihr? Nargess Sie macht sich deinetwegen die ganze Zeit Sorgen. Náhid Nargess, tust du etwas für mich? Nargess Was denn? Náhid Geh in unser Haus! In der Schublade meines Schminktisches liegen mein Personalausweis und die Heiratsurkunde. Nimm sie raus, und bringe sie mir! Sie zieht aus ihrer Tasche ein Schlüsselbund heraus. Das ist der Schlüssel zu der Schublade, das ist der Hausschlüssel, und dieser von der Wohnung. Nargess Ich habe Angst. Auf einmal könnte Mehran auftauchen und mich sehen. Náhid Wenn du jetzt gleich gehst, ist Mehran nicht zu Hause. Um sicher zu gehen, rufe gleich in der Telephonzelle um die Ecke, bei uns an! Wenn keiner den Hörer abnimmt, dann kannst du sicher sein, dass er nicht zuhause ist. Gehst du hin? Machst du das für mich? Nargess Wozu brauchst du Deinen Ausweis und die Heiratsurkunde? Náhid Ich will ins Ausland reisen. Ich will nicht, dass Mehran Beweise in der Hand hält, mit denen er mir die Ausreise verbieten kann. Bevor er versucht, Beweise vorzulegen, dass ich seine Frau bin, bin ich über alle Berge. Ich bin dabei das nötige Geld zu beschaffen. Nargess Wo willst du Geld herholen? Náhid Ich habe Mittel und Wege gefunden. Nargess mit weinerlicher Stimme: Was tust du dir an, Náhid? Náhid Mir ist nichts mehr heilig. Mein ganzes Denken dreht sich darum, an Geld zu kommen Nargess Das ist der falsche Weg. Was wirst du im Ausland machen können? Auf diesem Weg kannst du dort nicht zu Geld kommen. Náhid Dort habe ich meine Ruhe, mein Leben ist nicht mehr in Gefahr. Ich werde Arbeit finden. Nargess Seitdem dir das passiert ist, ist auch die Beziehung zwischen mir und Hamed im Eimer. Ständig beleidigt er mich, wirft mir Gemeinheiten vor, und ich kann nichts dagegen tun, als den Mund halten. Sobald ich mich ihm widersetze, redet er von dir und sagt, du wärest eine Hure. Náhid Scheißkerl! Stopfe seinen Maul! Wie oft hat dieser geile Bock mir schöne Augen gemacht. Jedes Mal wurde mir übel von seinen Annäherungsversuchen. Ich habe dir nichts davon gesagt, weil ich eure Ehe nicht kaputt machen wollte. Nargess Ich wusste es. Deinetwegen haben wir uns oft gestritten. Das Bühnenlicht geht aus und gleich wieder an. Nargess Als du merktest, dass er mit anderen Weibern herummacht, hättest du deine Sachen packen und zu unseren Eltern ziehen sollen. Náhid Sollte ich zu unserer Mutter gehen, und mir dieselben Vorwürfen anhören? Was auch immer der Mann macht, sollten wir, Frauen still sein und nicht klagen, Wenn wir ihn mit einer anderen Frau sehen, wohin er auch gehen würde, wird er letztendlich zu seiner eigenen Frau zurück kommen. Soll man sich auf solchen Mist einlassen? Nargess Mutter hat recht. Wenn der Mann uns betrügt, hat er uns eben betrogen, aber wenn die Frau ihren Mann betrügt, geht das Eheleben kaputt, so wie jetzt deine Ehe kaputt gegangen ist. Náhid Sehr gut. Hast du jetzt ausgesprochen, was du wolltest? Dann steh, bitte auf und geh! Nargess Ich will noch nicht gehen. Ich kann noch bei dir bleiben. Náhid Ich sagte, stehe auf und geh! Ich warte auf jemanden. Nargess Auf wen? Náhid Das geht dich nichts an. Nargess Auf wen wartest du, Náhid? Náhid Ich habe eine Verabredung. Weine nicht! Alle schauen uns an. Steh auf und geh, bitte! Nargess Ich habe dir ein bisschen Geld mitgebracht. Entschuldige, mehr hatte ich nicht. Náhid Danke dir, Liebe. Nargess Rufe mich an! Halte mich auf dem Laufenden! Ruf mich morgens an, Hamed ist dann nicht zu Hause. Ruf mich an, damit wir uns woanders sehen können. Náhid In Ordnung! Nargess Komm! Nimm diesen Tschador, zieh ihn an, damit keiner dich erkennt. Sie gibt Náhid einen schwarzen Tschador. Náhid Ist das Mutters Tschador? Nargess Ja. In Gottes Namen, ziehe ihn an! Komm nie mehr hierher. Es ist möglich, dass dich schon viele erkannt haben. In Gottes Namen denke an dich, lege das Tschador gleich an, Náhid legt es an. Nimm auch diese Sonnenbrille. Ich liebe dich, mein Schwesterchen, ich liebe dich. Omid-e Biwodschud Khoruss Der Mann, der vorhin mit dir gesprochen hat heißt Omid-e Bi Wodschud. Geh nicht zu weit mit ihm! Lass dich nicht sehr auf ihn ein. Rot Wieso? Er war kein schlechter Mensch. Khoruss Nein, kein schlechter Mensch, überhaupt nicht, im Gegenteil. Er ist sogar sehr sensibel. Aber lass ihn nicht zu nahe an dich ran! Rot Wieso denn? Khoruss Er ist schwul. Er wird sich in dich verlieben, dann kriegst du allerhand Ärger. Er verliebt sich in jeden, wird wie eine Klette, dann wirst du ihn nicht mehr los. Eine Zeitlang war er in mich verliebt. Du kannst es dir nicht vorstellen, wie lange ich mich gequält habe bis er von mir los kam. Im Moment spricht er nicht mehr mit mir. Khoruss Siehst du den Parkwächter? Rot Ja, und? Khoruss Stimmt. Ich glaube, er ist im Drogengeschäft. Misch dich da bloß nicht ein, sonst wirft er dich raus. Signieren Rot Werden Sie es für mich signieren? Afshin Sehr gern. Er nimmt Rot das Buch ab. Dann schreibe ich die Telephonnummer auf die ersten Seite. Ich werde mich freuen, wenn Sie mich anrufen und mir Ihre Meinung über meine Gedichte mitteilen. Es waren aber schöne Zeiten Ebráhim Ich habe Datteln gegessen zu dreißig shahi; ein Schaf habe ich gekauft zu zwanzig Toman; eine Kuh zu hundertzwanzig Toman. Ich kann mich an die Preise gut erinnern. Ich kann mich erinnern, dreizehnhundertfünfundzwanzig litten wir Hunger. Mit meinem Vater, der leider verstorben ist, kauften wir Luzerne, tunkten sie in Wasser und aßen sie mit Joghurt. Wir verhungerten nicht. Immer gab es was zu essen. Und jetzt? Jetzt haben wir das Ende unseres Lebens erreicht, Gott möge euch jungen Leuten helfen! Ich habe Angst vor dem Tag, an dem sich die Leute selber auffressen werden. Es gibt keine Liebe mehr. Ein knurrender Magen kennt keine Liebe. Respekt kennt nur der volle Magen. Das Volk muss satt sein, wenn dem nicht so ist, dann sind wir das, was wir heute sind. Für das tägliche Brot bekämpfen wir uns. Prostitution und Mord sind an der Tagesordnung. Das Bühnenlicht geht aus und kurz darauf wieder an. Ebráhim Ihr jungen Leute tut mir sehr leid. Wir hatten eine schöne Zeit. Natürlich geht es uns Alten schlecht, aber wir hatten wenigstens eine schöne Jugend. Was habt ihr jetzt, worauf ich neidisch sein könnte? Eure Jugend hat nichts beneidenswertes, ihr seid alle traurig, dabei habt ihr überhaupt keine Schuld. Khoruss Man sieht, dass du deine Jugend sehr genossen hast. Ebráhim Ich habe alles, was ich verdient habe für Frauen ausgegeben. Der Mann, der lacht Rot liest in einer Zeitung, der lachende Mann tritt auf und setzt sich neben ihn und fängt an zu lachen. Rot schaut ihn an und lächelt. Ali Báhál Ich will mich umbringen. Rot Warum? Ali Báhál Weil du auf meiner Bank sitzt. Rot Bitte sehr, ich stehe auf. Ali Báhál Nein, setz dich für einen Moment! Lass uns quatschen! Rot setzt sich. Der Mann schaut ihn an und lacht. Ali Báhál Bist du ein Fan von Persepolis? Rot Nein. Ali Báhál Warum bist du denn in Rot? Rot Ich kann dir meine Gründe nicht nennen. Das ist ein Geheimnis. Ali Báhál Mach keine Sprüche! Ich bin selbst voller Geheimnisse. Sag: Ich habe mich in Rot gekleidet, weil ich auffallen möchte. Was sagst du jetzt zu den Menschen, die sich umbringen wollen? Sagst du, die sollen sich umbringen? Rot Nein. Ali Báhál Was sagst du dann? Rot Es kommt auf die Umstände an, ob ich rede oder nicht. Mit jedem muss man in seiner Sprache sprechen. Ali Báhál Wenn ich ihnen einen Rat geben sollte, würde ich ihnen sagen, sie sollten ein Glas Schnaps in ihre Kehle schütten. Witz beiseite, ich sage ihnen, sie sollen sich umbringen. Warum willst du sie daran hindern? Dieses Dasein ist doch auch eine Art von Sterben. Lass es zu, dass einige sich das Leben nehmen, damit wir ein wenig weniger werden. Bei Gott, wir sind viel zu viele. Samirá Afshin an Samirá Salam, Verzeihen Sie, Mögen Sie Gedichte? Ich habe einen Gedichtband verlegt, ich möchte Ihnen gerne einen schenken.
2. Akt Rot sitzt auf einer Bank. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Wenn Sie wissen, warum Sie am Leben sind, reden Sie mit mir!“ Merci Samirá und Afshin sitzen auf einer Bank. Samirá liest einen Brief. Einen Moment später hebt sie die Augen (vom Blatt) und sieht Afshin an. Afshin Warum schaust du mich so an? Samirá Danke! Hast sehr schön geschrieben. Afshin Ich möchte dir jeden Tag schreiben. Samirá lacht. Afshin Warum lachst du? Samirá Nur so. Afshin Sag, worüber du lachst. Samirá Hat keinen bestimmten Grund. Afshin Ich weiß, warum du lachst. Ich bin komisch. Obwohl ich dich jeden Tag sehe und mit dir spreche, schreibe ich dir immer wieder. Das ist komisch, oder? Samirá Nein. Afshin Sag die Wahrheit. Ist es deiner Meinung nach nicht komisch? Samirá Ich sagte doch: nein. Afshin Manches kann ich dir nicht sagen, ich kann sie nur schreiben. Samirá Hast Glück, dass du schreiben kannst. Ich wünschte mir sehr, auch schreiben zu können, aber ich kann nicht. Afshin Ich wünschte mir sehr, auch zu sagen, was mein Herz begehrt, aber ich kann es nicht. Samirá halb ernst, halb scherzhaft Dann ergänzen wir uns irgendwie. Die Bank gegenüber Khoruss Die Bank gegenüber mir meiner Bank ist frei. Sie gehörte einem, der süchtig war. Letzten Monat ist er gestorben. Er war, wie Sie sehr nett. Na, ja, jeder hat seine Macke, seine war eben die Sucht. Viele wünschten sich seine Bank zu besitzen, ich ließ es nicht zu. Geh dahin! Die Bank soll dir gehören. Ich suchte jemanden, der mir sympathisch ist. Kommst du? Bahrám Forugh Die ersten Tage, als sie unauffindbar waren, haben wir bei ihnen Zuhause angerufen. Niemand nahm den Hörer ab. Wir dachen, sie wären verreist. Nach dem neunten Tag waren wir aber sehr besorgt. Wir hatten keine Adresse von ihnen. Bahrám Wo ist Dawud? Forugh Er ist in die Provinz zu seinen Eltern gefahren. Bahrám Ach, nein! Ich wartete auf ihn, wir wollten eine Partie Schach spielen. Forugh Wie geht es Azita? Bahrám Ich weiß es nicht. Wir haben uns getrennt. Forugh Was? Bahrám Vor zwei Monaten. Forugh Ich... weiß nicht, was ich sagen sollte. Es ist bedauerlich! Bahrám Nein, du brauchst es nicht zu bedauern. Ich bin sehr froh, dass wir uns getrennt haben. Jetzt fühle ich mich langsam besser. Das Bühnenlicht erlischt und kurz danach geht es wieder an. Forugh Ich verstehe, was du sagst. Die Wahrheit ist, dass alle Eheleute, in aller Welt, sich irgendwie vertragen. Denn niemand ist an seinem Platz. Wie soll ich mich ausdrücken: es gibt kein richtiges System für die Ehegemeinschaft. Ich meine, wir leben jetzt im Zeitalter des Computers. Die Menschen können jetzt ihre verlorene Hälfte finden. Wenn die Menschen sich nicht belügen, werden sie viele Wege und Mittel finden, ihre verlorene Hälfte zu finden. Gott, es wäre so schön, wenn die Menschen sich weniger belügen würden. Zum Beispiel sie, sie habe sich getrennt, weil sie beide, sich nicht mehr belügen wollten. Bahrám Nein. Mein Problem war nicht meine verlorene Hälfte und dergleichen. Mein Problem ist, dass ich überhaupt nicht hätte heiraten dürfen. Ich hatte nie an die Richtigkeit und Menschlichkeit der Ehe und des Zusammenlebens zweier Menschen unter einem Dach geglaubt. Mir erschien die Ehe als etwas unheimlich Großes. Ich hatte kaum Eheleute gesehen, mit denen ich zu tauschen wünschte. Also, einer wie ich, mit dieser Überzeugung sollte niemals heiraten, oder wenigstens nicht so jung. Es gab eine Zeit, in der mir übel wurde, jedes Mal, wenn ich ein Ehepaar sah. Gut, dann durfte ich nicht heiraten. Forugh Hast du das alles Azita erzählt? Bahrám Ja. Sie sah ein, dass wir unter diesen Umständen, unsere Ehe nicht weiterführen sollten. Forugh Das ist lobenswert! Meiner Meinung nach, seid ihr beide ehrliche, mutige und romantische Menschen. Der Unterschied zwischen euch und uns besteht darin, dass ihr den Mut gehabt habt, der uns eben fehlt. Wenn ich Mut hätte, wären wir, Dawud und ich, auch getrennt. Bahrám Ist das wahr? Forugh Wenn man jetzt die Zeit zurückdrehen könnte und ich wäre so weise wie jetzt, würde ich auch nicht so schnell heiraten. Aber wenn doch, dann nicht Dawud. Er ist ein sehr guter Mann, aber er ist nicht meine verlorene Hälfte. Er hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit ihr. Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, dir dies alles zu erzählen. Vielleicht, weil du mir, ehrlich wie du bist, von deiner Trennung von Azita erzählt hast. Bahrám Ich bin ein Mann und ich kann dir versichern, dass, wenn Dawud wüsste, was du über ihn denkst, würde er keinen einzigen Tag mehr mit dir verbringen. Forugh Er braucht es nicht zu wissen, es sei denn, du würdest ihm es sagen wollen. Bahrám Du kannst sicher sein, dass ich ihm nichts sagen werde. Forugh Ich bin sicher. Bahrám Ich meinte, es wäre angebracht, du würdest Dawud die Wahrheit sagen. Forugh Ich kann es nicht. Ich teile die Menschen in zwei Gruppen: Die eine Gruppe liebe ich, wie zum Beispiel meine Mutter. Zur zweiten Gruppe dazu zählen viele, die ich zwar nicht liebe, aber ich verhalte mich ihnen gegenüber so, als würde ich sie lieben. Dawud gehört zu der zweiten Gruppe. Bahrám Dein Verhalten ist aber sehr unmoralisch. Forugh Umgekehrt, das ist sehr moralisch. Wenn ich dem, den ich nicht liebe die Wahrheit sagte, würde ich ihm Qual bereiten. Bahrám Meiner Meinung nach, musst du es Dawud sagen. Forugh Wirklich? Bahrám Ja. Forugh Ich hatte mir vorgenommen, es Dawud dann zu sagen, wenn ich den Mann kennen lernen würde, der meine verlorene Hälfte ist. Bahrám Glaubst du wirklich an so was? Forugh Und du nicht? Bahrám Das ist die weibliche Denkweise. Forugh Nein. Bahrám Ihr Frauen seid von Natur aus bodenständig, sogar sehr bodenständig. Im Leben aber gebt ihr euch Mühe, nicht erdverbunden, sondern himmlisch zu sein. Daher glaubt ihr an solche Sachen. Das ist auch der Grund, warum ihr mehr als wir Männer an Weißsagungen und Prophezeiungen glaubt. Forugh Warum denkst du, dass wir Frauen von Natur aus erdverbunden sind? Bahrám Weil ihr Kinder auf die Welt bringt. Das ist die charakteristische Eigenschaft für die Erdverbundenheit. Wir Männer sind nicht erdverbunden und bemühen uns, es zu sein und ihr, Frauen bemüht euch, ungewollt, nicht erdverbunden zu sein. Forugh Ich glaube fest daran, dass jeder eine verlorene Hälfte hat. Bahrám Sag wenigstens: Ich denke und nicht ich glaube. Lass fürs Zweifeln auch Raum zu! Forugh Ich glaube. Bahrám Bitte. Wie du meinst. Forugh Da wir heute ehrlich und offen miteinander geredet haben, will ich eins gestehen. Wenn ich vor der Heirat mit Dawud dich kennen gelernt hätte, hätte ich dich geheiratet. Verzeihen sie, dass ich so offen und ohne Umschweife spreche. Dazu war ich überhaupt nie imstande. Nie hätte ich es mir vorgestellt, dir dies jemals zu sagen. Aber jetzt fühle ich mich wohl, weil ich es ausgesprochen habe. Ehrlich gesagt, ich war sehr beunruhigt, als wir von dir und Azita keine Nachricht hatten. Vor allem war ich besorgt um dich. Ich hatte Angst, dir könnte etwas Böses zugestoßen sein. Ich hoffe, du hast gemerkt, wie ich mich gefreut habe, als ich dich sah. Und ich habe gelogen, als ich dir sagte: Ich finde es schade, dass ihr euch getrennt habt. Nein, ich habe mich sogar innerlich sehr darüber gefreut. Ich bitte dich, gehe nicht! Bahrám Ich habe nicht gedacht, dass unser Gespräch so weit führt. Ich dachte überhaupt nicht, dass du... Forugh Setz dich, jetzt gucken sie uns alle an. Bahrám Ich mag nicht in diese Geschichte hineingezogen werden. Auf Wiedersehen! Forugh Setz dich, sonst schreie ich, sodass alles es hören. Bahrám Dawud und ich waren irgendwie Freunde. Ich habe jetzt ein schlechtes Gefühl. Forugh Wir reden nur mit einander, wir tun doch nichts. Bahrám Ich habe überhaupt keine Lust auf solche Reden. Nie hätte ich gedacht, dass wir auf solche Gespräche kommen. Forugh Ich auch nicht. Aber jetzt, wo ich alles gesagt habe, lasse ich dich nicht gehen. Setz dich. Ich habe dich wieder gefunden. Denkst du, ich lasse dich einfach gehen? Damals warst du verheiratet und ich konnte dir mein Herz nicht öffnen. Ich bin froh darüber, dass ich es jetzt kann. Sagest du nicht, dass ich Dawud die Wahrheit sagen soll? Also gut, ich werde es ihm sagen.
Árezu Omid-e Biwojud hat sich stark geschminkt und die Fingernägel lackiert. Er trägt Damenschuhe. Khoruss Wann hast du dich operieren lassen? Omid-e Biwojud Letzte Woche. Bis gestern war ich im Krankenhaus. Khoruss Das heißt, du bist jetzt eine Frau? Omid-e Biwojud Ja. Hast du mich wirklich erst dann erkannt, nachdem ich die Brille abnahm? Khoruss Nein. Wenn du nicht gesprochen hättest, hätte ich dich vielleicht nicht erkannt. Omid-e Biwojud Gott sei Dank! Lach´ bitte nicht! Warum lachst du? Khoruss Ehrlich gesagt, dein früheres Gesicht kommt mir in den Sinn. Omid-e Biwojud Habe ich mich schlecht geschminkt? Khoruss Nein. Omid-e Biwojud Sag´ ehrlich, sehe ich gut aus? Wenn mein Make-up zu stark ist, werde ich weniger auftragen? Khoruss Ja, mache es weniger stark! Endlich hast du gemacht, was du machen wolltest. Kommst du damit zurecht? Bist du zufrieden? Omid-e Biwojud Ja. Sehr gut. Jetzt erst fühle ich, dass ich existiere. Ich spüre die scharfen Männerblicke und genieße, dass sie sich so sehr für mich interessieren. Khoruss Mit anderen Worten heißt das, du willst öfters hierher kommen und die Männer verführen? Omid-e Biwojud Nein, ich will heiraten. Khoruss Heißt das, du könntest auch Kinder kriegen? Omid-e Biwojud Nein. Ich werde den heiraten, der von mir keine Kinder will. Khoruss Wen? Omid-e Biwojud Den werde ich finden. Gute Menschen gibt es. Wir werden ein Baby aus dem Kinderheim adoptieren und es großziehen. Selbst wenn ich Kinder auf die Welt bringen könnte, würde ich das nicht wollen. Mein Wunsch war immer ein Baby aus dem Kinderheim zu adoptieren und es großzuziehen. Mir tun solche Babies sehr leid. Khoruss Ich wünsche, dass du deine Ziele erreichst. Ich bete für dich, Omid-e Biwojud. Omid-e Biwojud Darf ich dich bitten, dass du mich nicht mehr Ali rufst? Khoruss Wie soll ich rufen, Liebes? Omid-e Biwojud Árezu.
Manutsch Afshin sitzt auf einer Bank. Manutsch nähert sich ihm. Manutsch Hast du Feuer? Afshin Nein. Manutsch setzt sich neben ihn Man nennt mich Manutsch Hirnlos. Afshin Wie geht es Ihnen? Manutsch Mein Kopf ist kaputt. Verstehst du? Afshin Ja. Manutsch Hast du richtig gehört, was ich gesagt habe? Mich nennt man Manutsch Hirnlos. Afshin Ja. Manutsch Gut. Wie nennt man mich? Afshin Manutsch Hirnlos. Manutsch Ja. Weil mein Kopf kaputt ist. Hast du verstanden? Afshin Ja. Manutsch Wartest du auf sie? Afshin Wer? Manutsch Ich meine sie. Sie! Afshin Ich weiß nicht, wen Sie meinen. Manutsch Tu nicht so, als ob du es nicht wusstest. Mir gefällt es nicht, dass mit jenem Mädchen sprichst. Afshin Was geht es Sie an? Manutsch Es geht mir sehr wohl an. Und sprich nicht so mit mir, sonst mache ich dich fertig. Afshin In welchem Verhältnis stehen Sie zu jener Dame? Manutsch Ich liebe sie. Afshin Sie waren mit ihr befreundet. Manutsch Du darfst nicht mehr mit ihr reden. Afshin Wenn sie nicht will, rede ich nicht mit ihr. Manutsch Du halber Mensch! Mein Kopf ist kaputt, stehe auf, sonst werde ich dich kurz und klein schlagen. Mir gefällt es nicht, dass du hier auf sie wartest. Afshin steht auf, geht und setzt sich auf eine andere Bank. Manutsch Hier darfst du auch nicht sitzen. Geh und lass dich nicht mehr in der Umgebung des Parks sehen. Hast du mich verstanden? Afshin Sind alle Mädchen hier ihre Freundinnen? Manutsch Genau. Ist noch was? Afshin Nein, ich war nur neugierig. Manutsch Jetzt ist es gut. Geh jetzt. Warum stehst du noch und glotzt mich an? Wenn ich noch einmal sehe, dass du hier hinter den Mädchen im Park her bist, werde ich dich so verprügeln, dass du nicht mehr aufstehen kannst. Hast du jetzt kapiert? Überhaupt darfst du keinen Fuß mehr in diesen Park setzen. Verstanden? Jetzt gleich musst du raus. Afshin Welche Funktion haben Sie in diesem Park? Manutsch Lass die Hand unten! Man hört die Pfiffe des Parkwächters, der auf sie zukommt. Ein richtiger Mann Omid-e Biwojud Ich will heiraten. Rot Heißt das, du hast jemandem die Ehe versprochen? Omid-e Biwojud Nein, ich bin dabei, einen guten Menschen zu finden. Rot Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich so schnell nicht heiraten. Ich bin eben nicht an deiner Stelle. Omid-e Biwojud Warum sollte ich nicht schnell heiraten? Rot Warte so lange, bis du dich an deinem Frausein gewöhnt hast. Freunde dich mit Männer an, bleibe nicht bei einem Mann, verlasse ihn und nimm einen anderen. Lass dich von keinem Mann in die Falle locken. Jeder Mensch ist eine Falle. Es ist noch zu früh, dass du in die Falle gehst. Aber wenn du trotzdem heiraten willst, dann heirate deinesgleichen, einen, der sein Geschlecht geändert hat. Omid-e Biwojud Nein, ich möchte einen richtigen Mann heiraten. Die Soldaten Auf dem Rasen, im Park, liegen zwei Soldaten. Bábak Ist das möglich, dass du das Buch beiseite legst und mit mir redest? Juán Was soll ich sagen? Bábak Wenn du Bücher lesen wolltest, warum sagtest du, ich solle mit dir raus gehen? Ich hätte vorgezogen in der Kaserne zu bleiben. Juán Sprich ! Ich höre. Bábak k Wenn jetzt an meiner Stelle ein Mädchen hier säße, würdest du auch weiter in einem Buch lesen ? Juán Ja. Bábak Du Ärmster! Sie mischen so viel Kampfer in das Essen, dass selbst dann, wenn du was machen wolltest, du nicht könntest. Juán Warum stehst du nicht auf und läufst nicht hinter den Mädchen her? Bábak Das ist kein billiges Spiel. Juán Dann mache es platonisch! Bábak Bist du mit deinem Leben zufrieden? Juán Wieso? Bábak So gefällt es mir nicht. Entweder du liest weiter in deinem Buch, oder du redest mit mir. Juán Schieß los! Bábak Bist du mit deinem Leben zufrieden? Juán Nein. Bábak Das ist gut. Wenn du, gesagt hättest, du wärest damit zufrieden, hätte ich dir eine runtergehauen. Warum bist du nicht zufrieden? Juán Weil ich bis jetzt nicht so gelebt habe, wie ich wollte. Mein Leben lang habe ich habe darauf gewartet die Zeit zu überbrücken. Als ich in die Schule ging, wartete ich ungeduldig darauf endlich mit der Scheißschule fertig zu werden und mein Abi zu machen. Ich hatte so viele Pläne, die ich nach der Schule durchführen wollte. Was ist passiert? Ich landete an der Uni und wieder warten, bis die Uni zu Ende ist, und wiederum schmiedete ich Pläne für die Zeit danach. Und jetzt warte ich wieder ungeduldig darauf, dass mein Wehrdienst vorbei ist, damit ich aus diesem Land ausreisen kann. Bábak Wo willst du hin? Juán Nach Schweden. Bábak Warum willst du ausreisen? Juán Dort werden alle Probleme gelöst, wenn man Arbeit hat. Je mehr man arbeitet, umso mehr hat man. Aber hier ist es nicht möglich, etwas zu erreichen, wenn man ehrlich leben will und mit Null beginnt. Ich sehe doch meinen Baba. Verdammt noch mal! Er ist ein Ingenieur dieses Landes. Ich bin sicher, dass in Schweden ein Ingenieur, der von frühmorgens bis drei Uhr nachmittags arbeitet, finanziell gesichert ist. Bábak Und was ist mit der Heimat? Juán Heimat ist dort, wo man das Gefühl hat besser als woanders leben zu können, dort, wo man das Leben genießt. Bábak Auch hier kann man sein Leben genießen. Ich denke, dass jeder, wenn er vier Dinge hat, sein Leben genießen kann: Geld, Frau, Haus und Auto. Juán Sind Frauen keine Menschen? Bábak Gut, sagen wir Männer. Was braucht ein Mann, deiner Meinung nach? Juán Ein Auto, eine Frau, ein Schlafzimmer, ein Bad, eine Toilette und Schweden. Bábak Wie willst du ohne Geld leben? Juán Ja. Und das Geld. Ohne Arbeit, kein Geld. Aber hier, selbst wenn du Arbeit hast, heißt es nicht, dass du Geld hast. Bábak Und deinen Eltern wirst du nicht vermissen? Juán Nach einem oder zwei Jahren werde ich auch für sie ein Visum beantragen. Bábak Um für sie die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, musst du die Staatsangehörigkeit von Schweden haben. Juán Das werde ich machen. Ich werde ein schwedisches Mädchen heiraten. Versuch auch du zu Kommen. Wenn du ein schwedisches Mädchen heiratest, kriegst du vom Staat eine Wohnung, auch wenn du Kinder kriegst, kriegst du dafür Geld vom Staat. Bábak Ich mag die schwedischen Frauen nicht. Juán Die schwedischen Frauen sind alle blond und haben blaue Augen. Magst du das nicht? Bábak Nein. Iranische Frauen sind was anderes. Juán Sobald ich ein blondes, schwedisches Mädchen küsse, werde ich persische Frauen vergessen. Bábak Gibt es nicht einen anderen Weg, wenn man die schwedische Staatsangehörigkeit bekommen will? Juán Was? Bábak In Schweden geboren werde. Lacht. Juán Ich werde dort hingehen und jemanden gebären. Bábak lacht. Juán Es wäre auch gut für dich, wenn du auf diesem Wege etwas unternähmst. Bábak Wenn ich länger als einen Monat meine Eltern nicht sehe kriege ich Sehnsucht nach ihnen. Juán Gerade du, der seine Eltern so liebt, sollte auch ihretwegen ein Visum beantragen. Siehst du nicht, wie es hier den alten Menschen geht? Gerade der Zustand der alten Menschen hier bestärkt meine Entscheidung zu gehen. Ich möchte nicht, dass meine Eltern so weit kommen. Diese Respektlosigkeit der alten Menschen gegenüber ist ungeheuerlich und beleidigend. Eigentlich ergreife ich die Flucht, weil ich mich vorm Altwerden in diesem Lande fürchte. Höre du auch auf mich, unternimm etwas! Wenn du dich nicht rechtzeitig bewegst, wird dir späte Reue nichts nützen. Bábak Gott möge dir ein langes Leben schenken. Angenommen du würdest erfahren, dass du in einem Jahr sterben musst, was würdest du machen? Juán Nach Schweden gehen. Bábak Würdest du nicht heiraten? Auch wenn du weißt, dass du in einem Jahr stirbst? Juán Nein, auch wenn ich nur einen Tag zum Leben hätte. Bábak Ich denke, ich werde sehr früh sterben. Juán Jeder kriegt das, was er von seinem Leben erwartet. Wenn du so denkst, wird Gott dir nicht helfen und wirst früher sterben. Wenn du am Leben bleiben willst, musst du an das Leben glauben. Bábak Hast du bis jetzt je gedacht, warum du lebst? Überhaupt, daran warum du existierst? Juán Damit ich nach Schweden fahre. Bábak Nein. Wirklich? Juán Es gab Zeiten, wo ich versuchte einen Grund für meine und die Existenz der anderen zu finden. Wenn ich sehe, dass so viele Lebewesen existieren, wie: Krokodile, Schlangenfische, Libellen und Käfer. Ihre Existenz war mir nie wichtig und nie habe ich nach dem Sinn ihrer Existenz gefragt. Ich komme zu dem Schluss, dass mir auch die Gründe meiner eigenen Existenz nicht wichtig sind. Sollte es aber Gründe geben, ich blicke nicht durch. Bábak Aber es muss doch Gründe geben, sonst ist es Blödsinn. Juán Ich habe keine Lust mehr danach zu suchen. Maryam Maryam Salam, Baba! Ayub Salam! Ist ein Wunder geschehen, dass du hier bist? Hast du es aufgegeben, mich zu besuchen, meine Liebe? Geht es der Mutter gut? Maryam Ja. Geht es ihnen gut? Ayub Nein. Hast du ein wenig Geld für mich, meine Rosetochter? Maryam Sagen Sie, was sie brauchen, ich kaufe es Ihnen. Ayub Was ich will kannst du nicht kaufen. Maryam Ich gebe ihnen für das, was Sie wollen kein Geld. Ayub Wenn du mir kein Geld gibst, bin ich wieder gezwungen, überall im Park herumzusuchen und meine Jacke zu verkaufen. Maryam Warum quälen Sie mich so, Baba? Ayub Du quälst mich, meine Tochter. In meinem Alter und in der Scheiße, in der ich stecke, wollt ihr mich immer noch auf den rechten Weg führen. Es geht nicht, meine Liebe. Es geht nicht. Wenn es geändert werden könnte, wäre es bis jetzt geschehen. Maryam Auf Wiedersehen. Ayub Um Gottes Willen, setz dich! Ich liebe dich. Ich bin dein Baba. Maryam Sie haben es mir auch das letzte Mal versprochen. Ich habe Ihnen gesagt, dass, wenn ich noch einmal komme und sehe, dass sie in diesem Zustand sind, werde ich nicht mehr kommen. Ayub Bei Gott habe ich mir viel Mühe gegeben. Maryam ich schäme mich, dass ich hier neben ihnen sitze. Ayub Gib mir ein bisschen Geld und geh! Ich bin der letzte Dreck. Ich tue alles, es hilft nichts. Gib mir ein bisschen Geld und geh, damit die anderen dich nicht mit mir sehen. Im Gottesnamen quäle mich nicht. Gib Geld, damit ich nicht gezwungen werde meine Jacke zu verkaufen. Maryam Sie drohen mir, Baba? Seien Sie sicher, dass wenn Sie diesmal Ihre Jacke verkaufen, ich werde Ihnen keine mehr besorgen. Sie Steht auf, um zu gehen. Ayub Geh nicht! Gib mir fünf bis sechs Toman. Ich habe Hunger. Maryam Ich gehe und kaufe Ihnen was zum Essen, aber Geld gebe ich Ihnen nicht. Gespräch mit einer Mücke Rot hat seine Hand ausgesteckt und spricht mit einer Mücke, die darauf sitzt. Rot Und du glaubst, ich wäre dein Spielball? Du weißt doch, dass die Macht in meiner Hand ist. Die Natur hat mich stärker erschaffen, als dich, und du glaubst trotzdem, ich sei dein Spielball? Denkst du wirklich, du bist wer? Bist du so sicher, dass du mich als deinen Spielball siehst? Ich kann dich, jetzt auf der Stelle, wenn ich es will, vernichten. Dein Leben und dein Tod hängen von meinem Willen ab, und du denkst, ich sei dein Spielball? Ich könnte dich töten, aber ich töte dich nicht, weil ich beweisen möchte, dass ich stärker bin als du. Khoruss Rot, mit wem redest du? Rot Mit dieser weiblichen Mücke, die auf meiner Hand sitzt. Khoruss Du Schuft! Woher weißt du, dass es eine weibliche Mücke ist? Rot Die Männchen stechen nicht, stechen tun nur die Weibchen. Zur Mücke: Ich sprach eben mit Khoruss. Tu, was dein Herz begehrt! Sauge! Es soll dir wohl bekommen!
3. Akt Auf der Vorderbühne sitzt Rot auf einer Bank. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Wenn Sie das Gefühl haben unnutz zu sein, reden Sie mit mir!“ Syrien Ali Báhál und Khoruss sitzen auf einer Bank. Ali Báhál An jedem Hotel steht ein Mann. Merkt er, dass du Iraner bist, fragt er“: Frau nötig?” Alle drei sind wir raufgegangen. Mehdi, der Ungläubige wählte jene braune libanesische Frau und ging in eine der Kammern. Der Mann fragte uns“: Wollt ihr keine Frau?“ Wir sagten: Nein. Er sagte“: Gute Frau!“, Wieder sagten wir: Nein. Eine der Frauen machte mich an. Ich sage dir, Nutten machen mich nicht heiß. Shahram und ich, wir gingen in eine Taverne und tranken den besten Wein, den wir je in unserem Leben getrunken hatten. Der Besitzer des Lokals freundete sich mit uns an. Er sagte: „I have for you special wine!” Ein Wein war das! Du musst unbedingt einmal nach Syrien fahren. Die Leute da sind fröhlich und gastfreundlich. Du musst hin, damit du verstehst, was ich dir erzähle. Von überall hörst du fröhliche Musik. Die syrischen Frauen sind schön, die Männer aber nicht. Sie sind kaputt. Sicherlich plagen sich dort die Männer mit ihrer Arbeit, damit ihre Frauen es schön haben. Bei Gott, ich werde, ab jetzt jedes Jahr ins Ausland gehen werde. Ich bereue es, dass ich bis jetzt nicht gemacht habe. Ich bin bereit, das ganze Jahr wenig auszugeben, auf dies und jenes zu verzichten und für zwei Wochen so einen Ort aufsuchen und mein Leben dort genießen. Dieses Mal will ich Geld sparen und in die Türkei reisen. Ayub Maryam Salam Vater. Ayub Salam. Ich hatte große Sehnsucht nach ihnen. Warum kommst du nicht zu mir? Kein Kind benimmt sich seinem Vater gegenüber so, wie du dich mir gegenüber benimmst. Maryam Ich hatte mir geschworen, nicht mehr zu ihnen zu kommen. Ich wäre nicht gekommen, wenn ich nicht gezwungen wäre. Ayub Ist was Schlimmes passiert? Ist deiner Mutter was zugestoßen? Maryam Nein. Ayub Es geht ihr gut? Maryam Ja. Ayub Gott sei Dank! Was ist denn geschehen? Warum hast du gesagt, du wärest gezwungen, mich besuchen zu kommen? Maryam Ich will heiraten. Ayub Wie alt bist du denn? Maryam Siebenundzwanzig. Ayub Mein Kleines, du bist zum Heiraten zu jung. Maryam Nicht doch, Vater! Viele meiner Freundinnen haben sogar schon ein oder zwei Kinder. Ayub Wen willst du heiraten? Kenne ich ihn? Maryam Nein. Ayub Wie lange kennst du ihn? Maryam Seit zwei Jahren. Ayub Was hat er für einen Beruf? Maryam Sprachlehrer ist er. Er ist neunundzwanzig. Ayub Ich muss ihn sehen. Maryam Bloß das nicht, Vater. Ich habe ihm schon einiges erzählt. Ayub Hast du ihm erzählt, dass ich süchtig bin? Maryam Nein. Ich habe mich geschämt. Ich habe ihm nur erzählt, dass meine Mutter sich von dir getrennt hat und wir nicht wissen, wo du bist und dass wir keinen Kontakt zu dir haben. Ayub Ich muss ihn aber unbedingt sehen. Es ist mir sehr wichtig, zu wissen, wen meine Tochter heiratet. Maryam Vater! Ayub Ich habe das Leben deiner Mutter kaputt gemacht. Ich will nicht, dass meine Tochter jemanden heiratet, der ihr dasselbe Schicksal bereitet. Maryam Ich werde ihn ihnen nie zeigen, Vater. Ayub Heißt das, dass du nicht willst, dass ich zu deiner Hochzeit komme? Maryam Ja. Es sei denn, sie sind bis dahin von ihrer Sucht losgekommen. Ayub Ich mach es. Ich verspreche es dir. Meine kleine Tochter will heiraten, ich kann es nicht fassen. Du bist für mich immer noch das süße, kleine Mädchen. Wenn ich an dich denke, sehe ich dein Gesicht vor mir, als du ein Jahr alt warst. Maryam Ich bin gekommen, sie zu bitten, mit mir zum Notar zu gehen, um der Mutter eine Vollmacht zu erteilen. Falls sie nicht zu meiner Hochzeit erscheinen könnten, wäre sie dann berechtigt, mir an ihrer Stelle, die Erlaubnis zum Ehevertrag zu geben. Ayub Bis dahin habe ich mich schon erholt. Ich verspreche es. Maryam Sie haben schon öfters solche Versprechungen gemacht. Ayub Dieses Mal ist alles anders. Das ist die Hochzeit meiner Tochter. Maryam Vater, ich habe durch einen Bekannten einen Notar gefunden. Ich bitte sie, kommen sie mit und geben sie Mutter die Vollmacht. Ich bitte sie darum. Ayub Kommt deine Mutter auch ins Notariat? Maryam Ich glaube nicht, dass sie kommt. Ihre Anwesenheit ist nicht erforderlich. Sie müssen die Vollmacht unterschreiben. Ayub Kannst du deine Mutter mitbringen? Ich habe große Sehnsucht nach ihr. Maryam Ich werde es versuchen, aber ich glaube kaum, dass sie mitkommt. Ayub Du hast mir nicht gesagt, wie er heißt? Maryam Nima. Ayub Nima was? Maryam Seinen Nachnamen verrate ich nicht. Sie wollen ihn doch ausfindig machen, oder? Ayub Maryam, ich gehe und rede mit ihm wie ein Fremder. Ich will nur wissen, was für ein Mensch er ist. Maryam Er ist ein guter Mensch. Seien sie sicher, dass das Leben meiner Mutter eine Lehre für mich war. Ich war sehr vorsichtig. Er raucht nicht mal. Soll ich morgen kommen, damit wir zum Notar gehen können? Ayub Ja. Ich tue alles, was dir Freude macht. Nur bitte, tue was, damit deine Mutter auch kommt. Ich will sie von ganzem Herzen einmal sehen. Ich habe ihr viel Kummer gemacht. Maryam Sagten sie nicht, dass sie nie mehr Drogen nehmen wollten? Ayub Ja. Maryam Ist es demnach nicht besser, dass ihr euch erst dann seht, wenn sie clean sind? Ayub Ja, das ist besser. Maryam Ich wünschte mir so sehr, sie bei der Hochzeit an meiner Seite zu haben. Mein Gott, es wäre so schön, wenn sie dabei wären, damit die Familie meines Mannes sie kennen lernen kann. Aber nur unter der Bedingung, dass ich mich ihretwegen nicht schämen muss. Warum sagen sie jetzt nichts? Ayub Ich werde es schaffen. Du wirst sehen. Maryam Um Gottes Willen, weine nicht, Vater! Die Leute sehen uns. Ayub Ich bin überhaupt nicht froh, dass du heiratest. Maryam Warum, lieber Vater? Ayub Du bist doch noch so klein.
Geburtstag Khoruss Was hast du heute? Willst du irgendwo hingehen? Rot Nein. Khoruss Dann bist du, für das heutige Abendessen mein Gast. Schinken und Salzgurken werde ich kaufen. Schnaps haben war auch. Rot Schön, aber zu welchem Anlass ? Khoruss Heute ist mein Geburtstag. Rot Ich gratuliere dir zu deinem Geburtstag! Soll kein Haus ohne gutes Omen sein Ebráhim Wie alt bist du ? Afshin Zweiundzwanzig. Ebráhim Bist du nicht verheiratet? Afshin Nein. Ebráhim Das ist der Grund, dass du so mager und schwach bist. Heirate! Ich war auch wie Du, bevor ich geheiratet habe. Aber danach nahm ich zu und war nicht mehr schwach. Ein Dichter schreibt: „Die Frau ist dem Haus des Himmels Plage doch ohne sie läuft nichts, lass die Klage!“ Afshin lacht Wiederholen Sie, bitte noch einmal ihr Gedicht. Ich will es mir aufschreiben. Ebráhim Gut „Die Frau ist dem Haus des Himmels Plage Doch ohne sie läuft nichts, lass die Klage!“ Haben Sie geschrieben, oder soll ich noch mal rezitieren? Afshin Habe ich habe doch richtig aufgeschrieben? „Die Frau ist dem Haus des Himmels Plage Doch ohne sie läuft nichts, lass die Klage!“ Ebráhim Ja, richtig. Frau ist gut, verbindet uns mit dem Leben. Wie soll ich sagen, sie gibt dem Leben die Bedeutung. Meine Frau ist vor einem Jahr gestorben, danach ist mein Leben aus den Fugen geraten. Afshin Gott hab´ sie selig! Ebráhim Bist du Raucher? Afshin Nein. Ebráhim Bravo! Bravo! Wenn ich sehe, dass die jungen Leute rauchen werde ich sehr traurig. Ich verstehe nicht, was sie davon haben, dass sie ihr Geld dafür vergeuden. Mit dem Auftritt von Samirá unterbricht Ebráhim seine Rede. Samirá Salam! Afshin Salam! Ebráhim Salam! Kommen Sie, setzten Sie sich. Ich habe mich mit ihm unterhalten, damit ihn das Warten nicht ermüdet. Ich war dabei, ihm über die Schädlichkeit des Rauchens zu erzählen. Rauchen ist sowohl für den Raucher, als auch für die Nichtraucher schädlich. Also, ich verabschiede mich. Afshin warum? Sie könne doch bleiben. Ebráhim Nein. Ich ziehe es vor, sie allein zu lassen. Ich hoffe Sie wieder sehen zu können. Mit weinerlicher Stimme: Schätzt eure Werte, schätzt eure gemeinsamen Tage! Auf Wiedersehen! Samirá und Afshin Auf Wiedersehen! Ebráhim geht weg. Samirá Wer war er? Warum hatte er Tränen in seiner Stimme? Afshin Seine Frau ist im vorigem Jahr gestorben. Samir Oh! Der Arme! Afshin Seit einer Stunde warte ich auf dich. Samirá Verzeihung, ich habe verschlafen. Afshin Dies Mal habe ich drei Seiten geschrieben. Samirá Dann bringe ich sie mit nach Hause. Afshin Nein, lies sie hier! Samirá Wie, alle drei Seiten? Afshin Zier dich nicht! Lies! G3 Khoruss Scheiße! Scheiße! Scheiße! Rot Redest du mit mir? Khoruss Nein, mit den anderen. Rot Wer sind die anderen? Khoruss Alle die, die in diesem Augenblick in ihrem Hause liegen und sind dabei sind zu Abend zu essen. Die Scheißer! Sie alle sind Scheiße. Sie wissen, dass es Menschen gibt, die keinen Platz zum Schlafen haben, die von einem Bissen Brot abhängig sind. Wie können sie dann, mir nichts dir nichts ihr Abendessen verschlingen? Wie können sie ruhigen Gewissens einschlafen? Ich wünsche ihnen allen den Tod. Rot Einmal war ich im Norden, am Meer. Ich sah ein paar Kinder, die eine Möwe aufgefangen hatten und dabei waren, sie mit Seife zu waschen. Danach ließen sie sie frei. Die Möwe wollte sich auf das Wasser setzen, konnte nicht und ertrank. Khoruss Warum ertrank sie? Rot Die Kinder hatten ihren Fett mit der Seife abgewaschen. Khoruss Was hat deine Geschichte mit meiner Rede gemeinsam? Rot Ich weiß es nicht. Es gab doch etwas Gemeinsames. Im Moment weiß ich es nicht. Khoruss Es wäre schön, wenn ich Geld besäße! Rot Wenn in diesem Moment ein Sack voller Geld vom Himmel vor deine Füße fiele, was würdest du damit machen? Khoruss Der Himmel tut nichts anders als auf mich zu pissen. Rot Ich sage, wenn so etwas passierte! Khoruss Ich werde ein G 3 kaufen mit vielen Patronen. Rot Wofür denn? Khoruss Ich gehe in das Haus jedes einzelnen Reichen und schieße ihn tot. Die Reichen sind schädlich. Denn sie bestehlen die anderen und führen ein schönes Leben. Sie sind alle Scheiße. Rot Alle sind keine Scheiße. Khoruss Wenn ich einen Reichen sehe, der Gott nicht fürchtet, aber lebensfroh in seinem Auto sitzt, wünsche ich mir nichts anders, als seinen Hals zudrücken und ihm ins Gesicht sagen: “Du Hurensohn, Dein Auto, das du fährst, hast du mit dem Geld, das du von uns gestohlen hast, gekauft. Mit weinerlicher Stimme: Auch dann, wenn du es dir von deiner Erbschaft gekauft hast, dann ist dein Vater ein Dieb gewesen. Rot Du hast viel getrunken, dir geht es gar nicht gut. Khoruss Ich habe gelogen, dass heute mein Geburtstag sei. Ich weiß überhaupt nicht, wann ich geboren bin. Rot Das ist doch kein Grund, um den Mut zu verlieren. Khoruss Ich feiere jedes Jahr, um diese Zeit meinen Geburtstag. Ich mag den September. Auch mag ich den vierten Tag jedes Monats. Ich wünschte mit an so einem Tag geboren worden zu sein. Aber besser wäre es, wenn ich überhaupt nicht auf die Welt gekommen wäre. Rot Warum ? Khoruss Ich habe niemanden auf dieser Welt. Rot weine nicht, Ich habe auch niemanden. Höre jetzt auf! Wenn du Alkohol nicht vertragen kannst, warum trinkst du so viel? Khoruss Wenn ich sterbe, wird keiner meinetwegen trauern. Mein Tod rührt niemanden. Rot Bist du vielleicht krank? Khoruss Du warst dabei mich unter meinen Baum zu beerdigen. Rot Wie bitte? Khoruss Heute Nacht träumte ich, ich wäre tot. Rot Na also! Deswegen hast du die Nacht im Schlaf oft gestöhnt. Khoruss Versprichst du mir, dass du mich, wenn ich sterbe, unter meinen Baum begraben wirst? Rot Ich bitte dich, sprich nicht vom Sterben. Du darfst nicht sterben. Khoruss Ich habe niemanden auf dieser Welt. Rot Ich auch nicht. Khoruss Wenn ich sterbe, wird keiner meinetwegen trauern. Rot Ich bitte ich, pass auf dich auf! Du darfst nicht sterben. Khoruss Heute Nacht träumte ich, ich war tot und du warst dabei, mich unter meinen Baum zu begraben. Rot Ich bitte dich, sprich nicht vom Sterben
4.Akt Rot sitzt auf einer Bank auf de Vorderbühne. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Wenn Sie wütend sind, reden Sie mit mir!“ Guten Morgen, meine Allerliebste Ayub sitzt auf der Bank. Er ist sichtlich high. Maryam Salam Baba! Ayub Salam, meine Allerliebste! Maryam weinend So wie versprochen, bin ich gekommen, um zu sehen, wie es Ihnen geht, Wenn es Ihnen gut geht, dann teile ich Ihnen das Hochzeitsdatum und den Ort mit. Ayub Ich habe mir größte Mühe gegeben, Bei Gott, habe ich mir viel Mühe gegeben, um mich dagegen zu wehren. Wann ist die Hochzeit? Maryam Übermorgen. Ayub nickt ein. Maryam Sie hatten mir versprochen, Vater. Ayub Ich bin bereit mein Leben für dich zu geben. Gott ist mein Zeuge, Ich habe mir die größte Mühe gegeben. Maryam Nima sagte, es wäre besser, wenn du deinen Baba zu der Hochzeit einladen würdest. Das ist jedes Vaters Wunsch die Hochzeit seiner Tochter mitzuerleben. Ich sagte, ich werde versuchen ihn zu finden. Ayub Verzeiht mir, ich habe mir viel Mühe gegeben. Und sie sagte kein einziges Wort. Samirá Wie oft noch müssen wir uns zum Wiedersehen verabreden, damit du mir immer wieder neue Briefe in die Hand drückst? Afshin Was meinst damit? Samirá Was wollen wir überhaupt machen? Afshin Was ist dein Vorschlag? Samirá Die Heirat. Afshin Ich bin nicht für Heirat. Samirá Aber ich. Afshin Ich bin nicht dafür. Die Heirat ist eine reaktionäre Sache. Samirá Ist das dein letztes Wort? Afshin Aber ich liebe es, dass wir zusammen bleiben. Samirá Ich mag es nicht mehr, dass unsere Freundschaft in dieser Form weitergeht. Die Fortsetzung dieser Beziehung interessiert mich nicht mehr. Am Anfang war es interessant. Ein Dichter, der jeden Tag seine Liebesworte niederschreibt. Weil er diese nicht auszusprechen vermag. Aber jetzt interessiert es mich nicht mehr. Ich will heiraten. Heiratest du mich? Afshin Ich liebe dich, aber ich will nicht heiraten. Ich denke nicht, dass ich jemals heirate. Samirá Dann darfst du auch nicht behaupten, dass du mich liebst. Afshin Ich liebe dich, gerade deswegen will ich nicht heiraten. Samirá Das ist quatsch, was du erzählst. Wenn man jemanden liebt, heiratet man ihn. Normale Menschen sind so. Afshin spricht, als zitiere er aus einem Buch: „Wohl denen, die sich nicht lieben und heiraten. Einander lieben und heiraten ist grausam.“ Das sind die Worte einer Figur aus Heinrich Bölls Roman:“ Und sie sagte kein einziges Wort.“ Samirá Das ist totaler Blödsinn! Afshin Ehrlich gesagt, ich bin auch nicht von der Richtigkeit dieser Worte überzeugt, Mir gefiel diese Äußerung deswegen habe ich sie zitiert. Das sind ungewöhnliche Worte, das ist was mir gefällt. Ich kann nicht, wie du mit Sicherheit sagen, dass sie Blödsinn sind. Samirá Das ist totaler Blödsinn! Afshin Vielleicht ist die Ehe keine Garantie für das Fortbestehen einer Freundschaft zwischen zwei Menschen. Samirá Das ist totaler Blödsinn! Afshin ich weiß nicht. Vielleicht hast du recht. Entweder nicht heiraten, oder mit jemanden heiraten, den man liebt. Ich weiß nicht. Aber ich weiß, dass ich dich jeden Tag sehen möchte. Jeden Tag möchte ich deine Stimme hören. Wo ist das Problem? Warum können wir nicht weitermachen wie bisher? Samirá Nein, es ist besser, dass heute der letzte Tag unserer Freundschaft ist. Torte Maryam Salam Baba Ayub Salam. Wurde die Trauungszeremonie richtig vorgenommen? Keine Komplikationen? Maryam Nein. Ich bringe ihnen von der Hochzeitstorte. Ayub Danke! Es wäre schön, wenn du mir auch die Hochzeitsbilder mitgebracht hättest. Maryam Ich habe welche mitgebracht. Sie überreicht ihm ein Photoalbum. Ayub weint leise, während er sich die Bilder anschaut. Seine Schultern beben. Ayub weinend Ach, wäre ich nur dort dabei gewesen! Nushin Rot Was ist er von Beruf? Nushin Er ist Anwalt für Einwanderungsrecht. Rot Dann muss er aber gut verdienen. Nushin Ja. Warum bist du in Rot? Rot Dann hast du endlich das erreichst, was du immer wolltest: Geld und sicherlich Reisen ins Ausland. Nushin Ja. In zwei Monaten gehe ich für immer nach Kanada. Rot Warum Kanada? Nushin Ramins Wohnsitz ist in Kanada. Rot Hast du von ihm auch Kinder? Nushin Ja. Rot Mädchen und Buben? Nushin Eine Tochter. Rot Wie heißt sie? Nushin Parissa. Rot Weiß dein Man auch, dass wir zusammen eine Parissa hatten? Nushin Ja. Pause. Nushin Gestern las ich in einer Zeitung einen Bericht über das Klonen von Menschen. Ich sagte mir, hundert Jahre nach uns werden die Eltern es schöner haben als wir. Wenn wir hundert Jahre später leben würden, würde uns der Tod von Parissa nicht mehr umwerfen. Wir könnten die gleiche Parissa noch einmal ins Leben rufen. Rot Ich habe denselben Bericht gelesen, wie du und dachte auch an Parissa. Aber die Wahrheit ist, dass wenn man eben jetzt Klonen könnte, würde vielleicht der Tod von Parissa für uns keine Bedeutung haben. Für Parissa selbst, die, Todesqualen erlitt, würde sich an der Bedeutung des Todes nichts ändern. Am Klonen könnten sich nur die Eltern, Freunde und Bekannte freuen. Nushin Ich bin sicher, dass wir uns nicht getrennt hätten, wenn Parissa am Leben geblieben wäre. Rot Vielleicht. Nushin Ich bete zu Gott, dich vor der Abreise zu sehen. Einige Male rief ich dich zuhause an, damit wir uns verabreden. Nirgends warst du zu finden. Rot Warum wolltest du mich sehen? Nushin Ich hatte Sehnsucht nach dir. Rot Wie hast du mich gefunden? Nushin Dein Bild habe ich in der Zeitung gesehen. In einem Bericht über diesen Park war dein Bild ganz groß abgedruckt. Warum bist du in Rot? Rot Das ist ein Geheimnis. Nushin Warum hast du diesen Satz geschrieben? Rot Weil ich wütend bin. Nushin Weswegen bist du wütend? Rot Wegen allem. Dass ich hier geboren bin, dass ich in meiner Umgebung nur Unglück und Armut sehe, dass ich nicht weiß warum ich auf der Welt bin, dass ich mich einsam fühle, dass ich nutzlos bin. Soll ich weiter ausführen? Nushin Hast du deine Arbeit aufgegeben? Rot Ja. Nushin Wie bestreitest du denn dein Leben? Rot Das Haus habe ich verkauft, das Geld habe ich auf die Bank gebracht. Ich lebe von den Zinsen. Nushin Bist du jetzt, mit dem Leben, das du führst, zufrieden? Rot Ja. Nushin Dann bin ich froh. Rot Willst du wirklich für immer nach Kanada gehen? Nushin Ja. Rot Ich bitte dich, gehe nicht. Nushin Warum? Rot Ich wünsche mir auch, dass wir uns hin und wieder sehen. Wenn ich dich sehe, kommt mir Parissa in den Sinn. Sie guckte wie du, sie lächelte wie du. Nushin Wenn sie betrübt war, sah sie aus wie du. Rot Sie bewegte ihre Arme wie du, sie saß wie du. Nushin Ist es nur wegen Parissa, dass du mich sehen möchtest? Rot Nein, auch nach dir habe ich Sehnsucht. Nushin Ist das wahr? Rot Derjenige, der dich jeden Tag am Nachmittag auf deinem Handy anruft, und kein Wort redet ist kein anderer als ich. Nushin Warum redest du denn nicht? Rot Ich dachte, ich dürfte nicht reden. Ich rief nur an, um deine Stimme zu hören. Das Bühnenlicht erlischt geht aber gleich wieder an. Nushin Ich muss jetzt gehen. Rot Kommst du mich wieder besuchen? Nushin Ich wünschte es sehr, aber ich ziehe vor, dass wir uns woanders sehen. Rot Ja. Nushin Ich ziehe es vor, dass, wenn wir uns verabreden, du deine Klamotten ausziehst, dich wie alle anderen anziehst, etwas, das nicht so auffallend ist. Rot Ja. Nushin Rufe mich nachmittags an. Wenn Ramin es erfährt, kann es sein, dass er böse wird. Rot Ja. Nushin Auf Wiedersehen. Rot Ich liebe dich. Nushin Sag´ das nicht! Rot Glaubst du es nicht? Nushin Wenn du das sagst, kann ich mich nicht dazu bewegen, dich sehen zu kommen. Dann hätte ich das Gefühl, ich würde Ramin betrügen. Rot Es waren Zeiten, wo ich es sagen durfte und es war nicht problematisch. Es ist grausam, dass ich es jetzt nicht mehr sagen darf. Nushin Auf Wiedersehen. Rot sitzt auf einer Bank auf der Vorderbühne. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Wenn jemand aus ihrem Leben verschwunden ist, reden Sie mit mir!“ Das Bühnenlicht erlischt, geht aber gleich wieder an. Rot sitzt auf einer Bank auf der Vorderbühne. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Wenn Sie jemanden lieben, reden sie mit mir!“ Das Bühnenlicht erlischt, geht aber gleich wieder an. Rot sitzt auf einer Bank auf der Vorderbühne. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Wenn Sie sich einsam fühlen, reden sie mit mir!“ Das Bühnenlicht erlischt geht aber gleich an. Rot sitzt auf einer Bank auf der Vorderbühne. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Wenn Sie reden wollen, reden Sie mit mir!“ Das Bühnenlicht erlischt, geht aber gleich wieder an. Rot sitzt auf einer Bank auf der Vorderbühne. Er hält ein Plakat in den Händen, worauf in roter Schrift geschrieben steht: „Reden Sie mit mir!“ Das Bühnenlicht erlischt. Ende
Erläuterungen des Autor/Regisseurs Das „Rot und die anderen“ wurde zum ersten Mal am 3.Bahman 1381(13.Februar 2003) im „Sayeh-Theater“ in Teheran aufgeführt. Um Eindrücke aus dem täglichen Leben im Stadtpark zu vermitteln wurden am Anfang und am Ende jeden Aktes Dokumentarfilme gezeigt. Das Spotlight wurde auf die unterschiedlichen Bänke gerichtet. Im hinteren Bereich der Bühne hingen von der Decke zwei Vorhänge, sodass die Schauspieler durch sie hindurchgehen konnten. Die zwei Enden der Vorhänge waren aneinander geknotet und bildeten ein Dreieck. Die Bilder, die gleichzeitig auf die Vorhänge projiziert wurden, waren unterschiedlich. Ausnahme waren Bilder, die ein Thema aus zwei Blickwinkeln zeigten. Der eine Blickwinkel, ohne Schnitt, war das Gespräch zwischen einem Interviewer und einer Frau. Auf dem Vorhang wurden kurze Ausschnitte mit Nahaufnahmen von Kindergesichtern, einer Frau im Tschador, das Innere einer Toilette, Aufnahmen eines Wasserhahns etc. Am Ende, nach dem Abgang von Nushin, während sie sich langsam entfernt, zwei Ausschnitte: der eine aus Nushins und der andere aus Rot´s Blickwinkel. Zuletzt Nahaufnahmen von den Füssen verschiedenster Menschen im Park. Texte aus dem Dokumentarvideo: Nach den verschieden Lichtbildern aus dem Park wird folgende Szene als Video-Projektion gezeigt: Innenaufnahme: Eine öffentliche Toilette im Park. Das Bild einer Frau, die ihr Gesicht mit ihrem Tschador bedeckt und ein Kind auf dem Arm hält. Interviewer Seit wie vielen Jahren, schläfst du nachts draußen? Die Frau Zwei Jahre. Seit mein Baby auf die Welt gekommen ist. Interviewer Wo ist dein Mann? Die Frau Mein Mann war süchtig. Er hatte kein Geld. Der Hausbesitzer kam und warf uns raus, mein Mann ging auch weg und kam nie wieder. Warum bist du nicht zu deinen Eltern gegangen? Gott verdamme sie. Sie haben mir dieses Unglück gebracht. Was haben sie denn verbrochen? Warum sind sie schuld? Die Frau Weil wir dreizehn Kinder waren. Mein Vater konnte uns nicht ernähren. Er verheiratete uns mit Männern, die noch ärmer waren als wir selbst. Daher kommt unsere ganze Misere. Interviewer Wo sind deine anderen Geschwister? Die Frau Zwei von ihnen kamen wie ich nach Teheran. Vor einigen Tagen sah ich einen von meinen Brüdern am Teheraner Bahnhof, ich verdeckte mein Gesicht mit meinem Tschador, damit er mich nicht erkennt. Interviewer Warum? Die Frau Das ist doch klar; es ist eine schwere Zeit. Ich kann nicht einmal mein eigenes Leben in den Griff kriegen, wie könnte ich ihn auch noch durchbringen? Interviewer Vielleicht könnte er euch helfen. Die Frau Nicht doch. Ich habe ihn beim Betteln ertappt. Ich wünschte sehr mit ihm zu reden. Ich hatte wirklich Sehnsucht nach ihm. Die Nacht habe ich bis früh in den Morgen geweint. Gott, warum sind wir so unglücklich? Interviewer Seit wann schläfst du in dieser Toilette? Die Frau Seit zwei oder drei Nächten. Nicht länger, denn die Parkwächter verscheuchen uns. Aus diesem Grund wechsele ich immer wieder meine Nachtquartiere. Interviewer Stört dich der Geruch der Toilette nicht? Wird dein Baby davon nicht krank? Die Frau Wir haben uns an den Gestank gewöhnt. Interviewer Warum gibst du dein Baby nicht in einen Kinderhort, damit ihr beide ein leichteres Leben habt? Die Frau Solange ich lebe, werde ich mein Kind niemanden geben.
Auch wurden einige kurze Sequenzen als Film gespielt.
......................................................................................... Übertragung aus dem Persischen von: Iradj Zohari
Alle Rechte vorbehalten
Bochum, 9 Mai 2003
all rights reserved STAGE RIGHTS According to international law you can't produce a play until you've got the author's permission. So please contact me -m_yaghoubee@yahoo.com هر گونه استفادهي نمايشي از اين نمايشنامه منوط به اجازهي كتبي نويسنده است
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